Mein letzter ganzer Tag in Shanghai

Nachdem ich heute Nacht wieder supergut geschlafen habe und mit der Morgentoilette fertig bin, laufe ich schnell rüber zu ALDI, der um 7 Uhr bereits öffnet, um mir noch ein paar frische Backwaren zu kaufen.

Ich nehme mir ein Brötchen und einen Bagel, den ich zu meinen restlichen Eiern mit Schinken esse. Draußen ist es stark bewölkt und es sieht schon sehr nach Regen aus. Ist aber kein Problem, da ich Heute nicht mehr viel machen werde und notfalls mich irgendwo im Innern herumdrücken kann. Mein Start beginnt wieder mit der Linie am Ausgang 4 meiner Metro Station Anshan Xincun.

Wie üblich muß vor betreten des Bezahlbereiches das mitgebrachte Gepäck gescannt werden. Keine Ahnung, ob die da wirklich nachschauen. Auch habe ich noch nie Jemand gesehen, seine Tasche vorzeigen musste. Rechts vor dem Zugang sind die Ticketautomaten, an denen man sich Einzeltickets kaufen kann.

Da wie schon erwähnt meine 72-Stunden Karte gestern Nachmittag abgelaufen ist, brauche ich für Heute und Morgen noch eine Fahrkarte. In der Weechat App erstelle ich mir einen QR-Code für die Shanghai Metro. Das Erstellen des Codes geht nicht solange man im Ausland ist. Bei Alipay kann man dies natürlich auch machen, aber ich zeige es hier am Beispiel Weechat.

Mit diesem Code kann man sich dann Zutritt zur Station, durch Scannen (siehe lila Markierung) an einem der Lesegeräte, verschaffen. Mittlerweile kann man auch direkt mit einer Kredit-/Debitkarte (siehe gelber Pfeil) bezahlen. Die Karte muß dazu beim Betreten und wieder beim Verlassen der Tore durch Auflegen auf eines der oberen Lesegeräte benutzt werden.

Nach erfolgreichem Lesen des QR-Codes öffnet sich die Schranke bzw. der Eingang wird freigegeben. In der App bekommt man zusätzlich eine Nachricht.

Unterhalb des Codes erscheint der Hinweis, daß man erfolgreich den Code benutzt hat und daß man ihn beim Verlassen nochmals benutzen muß.

Nach einem Mal umsteigen innerhalb der Station erreiche ich mein erstes Ziel für Heute, die Station Tilanqiao. Nach dem erneuten Scannen kommt gleich wieder ein Nachricht.

In der App wird dann auch bei den Aufzeichnungen die komplette Fahrt (mit Start und Ziel) angezeigt. Kurze Zeit später wird der zu zahlende Betrag (in meinem Fall 3.- Yuan) in Rechnung gestellt und abgebucht.

Im Internet habe ich nach ein paar Museen Ausschau gehalten und bin letztendlich bei diesem hängen geblieben.

Das Shanghaier Jüdische Flüchtlingsmuseum befindet sich in der Changyang Road im Bezirk Hongkou und wurde zum Gedenken an die Zeit während des Zweiten Weltkriegs errichtet, als jüdische Flüchtlinge Schutz vor Massakern suchten. Es befindet sich in der ehemaligen Ohel Moshe Synagoge, wo sich die jüdischen Flüchtlinge zu religiösen Aktivitäten versammelten. Vor dem Eingang stehen auch 2 uniformierte Polizisten. Keine Ahnung, ob die immer da sind.

Die 1927 erbaute ehemalige Ohel Moshe Synagoge war zugleich Sitz der Jüdischen Jugendorganisation. Zwischen 1937 und 1941 nahm Shanghai 25.000 jüdische Flüchtlinge auf und wurde zur einzigen Metropole der Welt, die Juden nicht abwies. Die Zahl der jüdischen Flüchtlinge, die die Stadt aufnahm, entsprach der Gesamtzahl der Flüchtlinge in Australien, Neuseeland, Kanada, Indien und Südafrika. Die Synagoge wurde zum Synonym für „Rettung“ und „Zuflucht“.

An der Kasse wird mein Reisepass verlangt. Irgendwie scheint sie Zugriff auf meine Passadten zu haben, denn sie vergleicht meine Passnummer mit den Eintragungen am Computer.

Überraschend gibt es für Senioren ab 60 einen Preisnachlass und mein Ticket kostet 15.- anstatt der üblichen 20.- Yuan.  Dieses Mal bezahle ich mit Bargeld, was wohl unüblich zu sein scheint. Ich gebe ihr einen 100.- Yuan Schein und sie muß ihr ganzes Wechselgeld zusammen kratzen (viele 5.- Yuan Schein), damit es dann reicht.

Im ersten Raum wird ein Film gezeigt und mir ist erst nach dem Fotografieren aufgefallen, daß man dies hier wohl nicht soll.

Die Fluchtrouten der Jüdischen Flüchtlinge nach Shanghai erstreckten sich über die ganze Welt.

Nach ihrer Ankunft in Shanghai wurden die jüdischen Flüchtlinge mit einem Lastwagen über die Waibaidu-Brücke zum Flüchtlingshilfszentrum in Hongkou transportiert. Die 23 neuen Chevrolet-Trucks der Miller Taxi Company waren für die Abholung der Flüchtlinge zuständig. Diese Szene rekapitulierte die damalige Situation.

Dies zeigt eine Registrierungskarte, die die Flüchtlinge bei ihrer Ankunft in Shanghai ausfüllen mussten.

Als sie in Shanghai ankamen, lebten die europäischen jüdischen Flüchtlinge vor allem in der Internationalen Siedlung und im relativ günstigen Stadtteil Hongkou. Einige Flüchtlinge wurden in provisorische Flüchtlingsunterkünfte überführt, die entweder gemietet oder selbst gebaut wurden. Dort waren 30 bis 50 Menschen in einem Raum zusammengepfercht. In Spitzenzeiten teilen sich 100 bis 200 Menschen ein Zimmer.

Die jüdische Stimme des Fernen Ostens war zu dieser Zeit eine Deutschsprachige Wochenzeitung, die von der Jüdischen Gemeinde gegründet wurde und 1940 erstmals unter dem Namen „Jüdisches Nachrichtenblatt“ erschien. Philip Kohn war Chefredakteur, Ludwig Schaefer kommissarischer Herausgeber. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die Zeitung in „Jüdische Stimme des Fernen Ostens“ umbenannt. Im Februar 1946 wurde sie zu einer halbwöchentlichen Zeitung.

Das Museum ist für mich überraschend ziemlich groß mit vielen kleinen Zimmern und eine Unmenge an detailierten Informationen und auch Einzelgeschichten. Das dreistöckige Haus wurde in seinen ursprünglichen Zustand zurückversetzt. Die Wände sind grau gestrichen und mit roten Ziegeln verkleidet. Die alten Möbel sind verschwunden, nur die Bodenfliesen stammen noch aus der Zeit der jüdischen Besatzung.

Als Beispiele nenne ich 2 Geschichten, die auch auf der Webseite des Museum als Online Kollektion dargeboten werden.

Bei der Ersten handelt es sich um Betty’s Wedding Dress oder Bettys Hochzeitskleid:

Das Hochzeitskleid wurde 2013 von Betty Grebenschikoff, einer ehemaligen jüdischen Geflüchteten, gestiftet. Es vereint chinesische und westliche Stile, und die überlappende chinesische Knopfleiste symbolisiert die besten Wünsche an das Paar. Das französische Satinkleid ist mit Spitze verziert und mit Calla-Lilien bestickt, dazu trägt es einen Schleier.

1948 lernte Betty Oleg Grebenschikoff kennen, einen Sportlehrer an der Jüdischen Schule Shanghai. Sie heirateten nach fast drei Monaten. Bettys Schwiegermutter, Alexandra Wassiljewna, fertigte das Hochzeitskleid als Botschaft ihrer besten Wünsche an. Bettys Hochzeitskleid war auch Zeugin der Liebesgeschichten ihrer beiden Töchter. Beide trugen dieses Kleid bei ihren eigenen Hochzeiten. Für Bettys Familie ist es ein sehr wichtiges Andenken.

Die jüdischen Geflüchteten in Shanghai legten großen Wert auf die Ehe, da sie als verbindendes Element einer Gemeinschaft galt. Da die Zahl der Juden bzw. der jüdischen Gemeinde in Shanghai gering war, heirateten sie hauptsächlich Mitglieder ihrer Großfamilie in Shanghai und Verwandte aus anderen chinesischen Städten oder dem Ausland. Mit dem Zustrom jüdischer Flüchtlinge vergrößerte sich auch ihr Heiratsradius. Laut Statistik heirateten zwischen 1939 und 1946 366 jüdische Paare.

Bei der 2. Geschichte handelt es sich um The Five Passports oder Die fünf Pässe:

Diese Sammlung umfasst die Pässe, die Ruth Callmann, eine ehemalige jüdische Geflüchtete, in ihrem Leben benutzt hatte, darunter einen deutschen und vier amerikanische Pässe. Sie spiegeln Ruths Lebensweg von der Flucht aus Europa über die Zuflucht in Shanghai bis hin zur Niederlassung in den USA wider.

Laut deutschem Pass wurde Ruth am 11. Mai 1918 in Deutschland geboren. Die Berliner Behörden stellten ihr am 27. März 1939 den Pass aus und ermöglichten ihr die Ausreise aus Deutschland. Am 11. Juli 1939 verließ Ruth Österreich mit dem Zug; am 13. Juli verließ sie Europa von Genua aus per Schiff; am 4. September kam sie in Tianjin an und im Oktober in Shanghai. Am 29. Juli 1947 erhielt sie von der Shanghaier Stadtpolizei eine Ausreisegenehmigung und verließ China am 10. August desselben Jahres.

Die vier amerikanischen Pässe wurden 1977, 1982, 1998 und 2008 ausgestellt.

2009 besuchte Ruth das Shanghai Jewish Refugees Museum und zeigte ihren deutschen Pass vor. Damals lehnte sie die Spendenanfrage des Museums ab. Doch in ihren letzten Tagen beauftragte Ruth ihre alte Freundin Janis Seeman, die fünf Pässe dem Shanghai Jewish Refugees Museum zu übergeben. 2014 flog Janis trotz ihres hohen Alters nach Shanghai, um die Pässe zu überbringen. „Mit der Spende dieser Pässe wollte sie Ihnen zeigen, dass Shanghai ihr immer am Herzen liegt“, sagte Janis.

So kann man sich richtig lange in dem Museum aufhalten und etwas über das Leben der Jüdischen Flüchtlinge vor und nach dem 2. Weltkrieg in Shanghai erfahren. Für meinen Geschmack ist dieses Museum sehr gelungen und empfehlenswert, obwohl ich sonst nicht so der Museumsgänger bin.

Anlässlich eines Staatsbesuchs in der Volksrepublik China besuchte Bundespräsident Joachim Gauck im März 2016 das Jüdische Flüchtlingsmuseum in Shanghai.

In den 1930er Jahren diente das Gebiet um die Zhoushan Road Shanghaier Juden als Zufluchtsort und gehörte zum „jüdischen Ghetto von Hongkou“. Die Wohnhäuser, Schulen und Geschäfte entlang dieser Straße weisen deutliche historische Merkmale auf. Da die damals dort lebenden Juden hauptsächlich Architekten, Ingenieure, Techniker und Künstler waren, erreichte die Architektur entlang der Zhoushan Road einen hohen funktionalen und formalen Standard. Die Gebäude auf der Westseite der Straße sind überwiegend im viktorianischen Stil gehalten, während die Gebäude auf der Ostseite vom Art-déco-Stil geprägt sind. Beide Bauten sind gut erhalten. Zu den bemerkenswertesten Gebäuden entlang dieser Straße zählen die Moses-Synagoge an der Kreuzung von Zhoushan Road und Changyang Road sowie das Tilanqiao-Gefängnis auf der Ostseite der Zhoushan Road. Die 1927 erbaute Moses-Synagoge wurde während des Krieges zu einer wichtigen spirituellen Säule der jüdischen Gemeinde. Das Tilanqiao-Gefängnis in der Changyang Road 147, östlich der Zhoushan Road, wurde 1903 eröffnet. Das imposante Bauwerk galt einst als das bedeutendste Gefängnis im Fernen Osten und gilt heute als herausragendes historisches Gebäude Shanghais.

Im historischen Gebiet Tilanqiao sind die ursprünglichen Merkmale der jüdischen Siedlung erhalten geblieben. Dies ist das einzige historische Gebiet mit Spuren des Lebens jüdischer Flüchtlinge in China während des Zweiten Weltkriegs.

Im Hof des Geländes, der im Freien liegt, kann man an der langen Mauer die Namen der Jüdischen Flüchtlinge, die während der 1930er und 1940er Jahre hier waren, nachlesen.

In einem extra Gebäude befindet sich der ehemalige Sitz der Ohel Moshe Synagoge.

Bei meiner nächsten Fahrt mit der Metro probiere ich den QR-Code von Alipay aus und es funktioniert ebenso problemlos und auch diese Fahrt zum IFC Einkaufszentrum, neben der Metro Station Lujiazui, kostet nur 3.- Yuan.

Diese Mall ist echt Hochglanz poliert, super schick und hat viele Geschäfte mit Rang und Namen.

In dortigem Dyson Geschäft fällt mir auf, daß sie nun auch Kopfhörer verkaufen. Als ich den Preis (3.899.- Yuan oder ca. 465.- Euro) sehe, denke ich mir, ganz schön happig.

Als ich die Mall verlasse, stehe ich voll überrascht auf einem runden Fußweg über einem großen Kreisverkehrsplatz und habe die 3 Gebäude im Rücken bzw. auf der Seite …..

….. und nach vorne blicke ich direkt auf den Oriental Pearl Tower.

Auf einer Seite des Kreisverkehrs befindet sich dieser kleine Uhrenturm.

Jetzt ist auch klar, warum es am Turm Disney Figuren gibt. Direkt daneben befindet sich nämlich ein Disney Shop.

Noch bin ich nicht nass geschwitzt, aber kurz davor. Um dies zu verhindern, laufe ich in ein anderes Einkaufszentrum (hier gibt es unendlich Viele), direkt daneben und schaue nach meinem Teeladen. Da das gestern gut mit der Bestellung über die App in anderen Geschäften geklappt hat, probiere ich es hier auch. Und bekomme auf den Normalpreis von 20.- Yuan 2 Mal einen Preisnachlass. Zunächst 3.- Yuan als neuer Kunde und dann nochmal 2.- Yuan (weiß nicht warum), so daß ich nur 15.- Yuan bezahlen muß.

Um 15:00 Uhr bin ich wieder an meiner Unterkunft. Für die Rückfahrt musste ich 4.- Yuan bezahlen, so daß ich Heute bis dahin 10.- Yuan für die Metro ausgegeben habe. Eine Tageskarte hätte wie gesagt 18.- Yuan gekostet.

Es fängt auch wieder leicht an zu regnen, so daß ich mich in Sachen beleuchteter Oriental Pearl Tower eventuell verspekuliert habe und das Heute und somit während dieses Shanghai Besuchs wohl nichts mehr wird. Zum Essen bleibe ich im Haus und gehe in den Foodcourt und bestelle mir ein paar Nudeln.

Im Fahrstuhl fährt auf dem Rückweg zum Apartment einer der vielen Essenfahrer, der trotz Regens ausliefert, mit mir in den gleichen Stock.



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